Mit KI, aber ohne Kompass. Wie Studierende an Hochschulen bei der Recherche scheitern. Teil 4: „Fachdatenbanken? Brauch ich nicht. Ich hab Google Scholar!“
Ich arbeite mich durch den Research Report „Zwischen Google Scholar und ChatGPT“ und ordne die Ergebnisse in einen größeren Kontext sowie meine Praxiserfahrungen und Forschungen ein. Ziel ist es, möglichst allgemeingültige Aussagen zum Rechercheverhalten von Studierenden zu finden und einen kritischen Blick auf die Informationskompetenz an Hochschulen zu werfen.
Heute geht’s um Fachdatenbanken. Und das sind die Ergebnisse:
Google Scholar kennen alle, Fachdatenbanken fast niemand
Die Studis kennen Google Scholar. Über 80 % nutzen es immer, oft oder manchmal. Nur 3 % kennen es nicht.
Bei den Fachdatenbanken ist es umgekehrt: Die meistgenutzte ist EBSCO mit 27 %. Die anderen Datenbanken kennen 30 % bis 50 % der Studis nicht mal. Die Nutzungsraten sind entsprechend im Keller. Seit Jahrzehnten!

Das stützt meine These: Die Recherche-Infrastruktur wird vielfältiger, aber genutzt werden nur wenige Oberflächen: Google, Google Scholar und ChatGPT.
Selbst das eigene Angebot der ZBW ist unbekannt
Die Studie stammt von der ZBW. Aber selbst deren eigenes Angebot ist den Studis unbekannt. EconBiz kennt ein Drittel nicht mal. Obwohl über 2.000 registrierte ZBW-Nutzer zur Befragung eingeladen wurden.
Die Autorinnen erklären die Nicht-Kenntnis zum Teil mit fehlenden Lizenzen und Budgets. Frei zugängliche Angebote wie EconBiz müsse man davon unterscheiden (S. 38). Richtig. Nur: Die sind teils noch unbekannter. Am Geld allein liegt es also nicht. Es liegt an der Sichtbarkeit. Und die fehlt, weil (meine Deutung, steht so nicht im Research Report):
- Google und ChatGPT dominieren.
- das Datenbankinfosystem DBIS nicht intuitiv nutzbar ist und keine KI hat.
- Lehrende die Suche abnehmen: Viele Studis bekommen regelmäßig Literaturlisten. Das macht träge.
- viele Lehrende die Datenbanken selbst nicht kennen (zeigen Daten und meine Workshop-Erfahrung).
- die Bibliotheken ihre Datenbanken unsichtbar gemacht haben: Inhalte laufen über Discovery-Systeme. Viele lesen z. B. EBSCO-Artikel, ohne EBSCO zu kennen.
Methodenkritik: Wichtige Datenbanken und KI-Assistenten fehlen
Die Auswahl der Datenbanken in der Umfrage ist m. E. problematisch. Wichtige fehlen: wiso, die zentrale deutsche Wirtschaftsdatenbank, dazu Scopus, Web of Science usw. Ob sie genutzt werden, weiß die Studie also nicht.
Auch KI-Assistenten in den Datenbanken fehlen. Sie wurden nicht abgefragt, weil:
- Datenbanken mit KI-Assistenten nicht zur Auswahl standen (Scopus, Web of Science).
- die KI-Assistenten in Datenbanken, die aufgeführt sind (EBSCO, JSTOR), nicht vermerkt wurden. Woran das liegt, ist unklar.
Fachdatenbanken mit KI-Assistenten werden eher genutzt
Fakt aber ist: Fachdatenbanken werden eher genutzt, wenn sie einen KI-Assistenten haben. Das müssen Lehrende und Bibliothekare zeigen können, dann lassen sich auch Studis dafür begeistern.
Und: Viele Inhalte aus Fachdatenbanken sind inzwischen auch mit nativen KI-Tools wie Scite oder Consensus verbunden, denn die KI-Anbieter kooperieren zunehmend mit Fachverlagen, um Volltexte und damit mehr Nutzer zu bekommen.
Um genau diese KI-Tools und ihre Nutzung durch die Studis geht es dann morgen.
Quellen
- Siegfried / Flieger: Zwischen Google Scholar und ChatGPT – Wie Wirtschaftsstudierende heute recherchieren (Research Report, Oktober 2026)
- Mein Paper: Vom Google-Dilemma zum KI-Dilemma? Sechs Thesen zur Recherche- und Informationskompetenz an Hochschulen im Angesicht von KI (August 2026)
Mehr zum Thema auf meinem Blog
- Mit KI, aber ohne Kompass. Teil 1: Die Studie und ihre wichtigsten Ergebnisse
- Mit KI, aber ohne Kompass. Teil 2: Könige und Klickzahlen
- Mit KI, aber ohne Kompass. Teil 3: Bibliotheken von gestern fürs Studium von morgen
- Mit KI, aber ohne Kompass. Teil 5: Such den Hasen!
- Mit KI, aber ohne Kompass. Teil 6: Fazit. Was getan werden muss.
- KI-Assistenten in Fachdatenbanken. Das Beispiel Scopus AI
- KI in Fachdatenbanken und akademischen Suchmaschinen: Handreichung und Orientierung für Hochschulbibliotheken. Ein Angebot.
- Verlage, Volltexte & Vorschriften


