Mit KI, aber ohne Kompass. Wie Studierende an deutschen Hochschulen bei der Recherche scheitern. Teil 2: Könige und Klickzahlen
Eine Woche lang arbeite ich mich durch den Research Report „Zwischen Google Scholar und ChatGPT. Wie Wirtschaftsstudierende heute recherchieren“ und ordne die Ergebnisse in einen größeren Kontext sowie meine Praxiserfahrungen und Forschungen ein (Quellen siehe unten). Ziel ist es, möglichst allgemeingültige Aussagen zum Rechercheverhalten von Studierenden zu finden und einen kritischen Blick auf die Informationskompetenz an Hochschulen zu werfen.
Google, Google Scholar und ChatGPT als zentrale Zugangswege
Der Research Report zeigt: Google und Google Scholar sind noch immer die zentralen Zugangswege zur Literatur. Hinzugekommen sind Chatbots, bes. ChatGPT. Der Grund: „Diese Systeme verbinden Bekanntheit, niedrige Zugangsschwellen und ein breites Anwendungsspektrum.“ (S. 60)
Die Hochschulbibliotheken verlieren dagegen: Die teuer lizenzierten Fachdatenbanken „werden als Werkzeug deutlich seltener genutzt und sind vielen Studierenden nicht bekannt.“ (S. 4) Nicht mal 30% nutzen oft Bibliotheken. Nur gut 20% regelmäßig Fachdatenbanken.
Offizielle KI-Tools der Hochschulen: in der Studie nicht vorhanden
Auffällig: an keiner Stelle erwähnt die Studie „offizielle“ bzw. DSGVO-konforme Tools. Hawki, Academic Cloud und Co. kommen schlichtweg nicht vor bzw. werden offenbar nicht genutzt. Das deckt sich mit meinem Befund: Die offiziellen KI-Tools der Hochschulen sind tot. Sie waren nie lebendig.
ChatGPT zur Recherche: Was die Studie misst und was offen bleibt
Sehr lebendig ist dagegen ChatGPT. Fast zwei Drittel nutzen es zur Recherche, über 80% für Verständnisfragen zur Literatur. Ob ChatGPT im Deep Research Modus verwendet oder durch Plugins mit wiss. Datenbanken verbunden wird, bleibt unklar. Solche Daten wurden nicht abgefragt. Auch die Methode ist nicht immer ganz passend.
Da Google und Google Scholar gemeinsam abgefragt werden, ist unklar, wer wo genau recherchiert. Studien zeigen, dass Googles KI-Modus bzw. die KI-Antworten dazu führen, dass die Nutzer kaum noch auf Quellen klicken und der KI-Antwort vertrauen. (Die oft einfach rauskopiert wird.) Im Research Report heißt es: „Eine plausibel formulierte Antwort vermittelt leicht den Eindruck, ein Rechercheproblem sei gelöst, obwohl Quellen fehlen, unzutreffend zugeordnet oder nicht zugänglich sind.“
Das eigentliche Problem: nicht angeklickte Quellen
Diese Erklärung greift zu kurz, denn das Hauptproblem sind nicht fehlende, sondern nicht angeklickte Quellen. Auch Google Scholars „Quick Read“ macht Klicks zunehmend unwichtig.
Bei ChatGPT sind fehlende Klicks das Geschäftsmodell. Durch die KI-Antwort gibt es „‚no good reason to click‘ on a link to the underlying source“, heißt es bei OpenAI (siehe Abb.) Die Folge: „no matter how prominently we show the links, users won’t click.“

Der Research Report misst Klickzahlen nicht. Solche Messungen fehlen generell für die Hochschulen. Fast alle Daten beruhen auf Selbstaussagen. Die Autorinnen sehen das Problem. „Erfasst werden die Einschätzungen der Studierenden, nicht die Wirkungen der Nutzung.“ (S. 60)
Morgen: das Nutzerverhalten
Morgen schaue ich mir das Nutzerverhalten dann genauer an.
Quellen
Hier alle im Beitrag genutzten Quellen:
- Der Research Report von Siegfried / Flieger: Zwischen Google Scholar und ChatGPT – Wie Wirtschaftsstudierende heute recherchieren (Oktober 2026)
- Mein Paper: Vom Google-Dilemma zum KI-Dilemma? Sechs Thesen zur Recherche- und Informationskompetenz an Hochschulen im Angesicht von KI (August 2026)
- Die Zitate von OpenAI (siehe Abb.) stammen aus einer Klageschrift von Verlagen und Medienhäusern gegen KI-Anbieter (PDF)
Mehr zum Thema auf meinem Blog
- Mit KI, aber ohne Kompass. Teil 1: Die Studie und ihre wichtigsten Ergebnisse
- Mit KI, aber ohne Kompass. Teil 3: Bibliotheken von gestern fürs Studium von morgen
- Mit KI, aber ohne Kompass. Teil 4: „Fachdatenbanken? Brauch ich nicht. Ich hab Google Scholar!“
- Mit KI, aber ohne Kompass. Teil 5: Such den Hasen!
- Mit KI, aber ohne Kompass. Teil 6: Fazit. Was getan werden muss.
- Die offiziellen KI-Tools der Hochschulen sind tot. Sie waren nie lebendig.
- Google Scholar Labs hat eine neue Funktion: Quick Read.
- Hochschulbibliotheken werden an Bedeutung verlieren. Ein Grund ist die Illusion der eigenen Bedeutung.
- Völlig vermessen: Was wir über KI-Kompetenz von Studierenden und Lehrenden zu wissen glauben.


