Hochschulbibliotheken werden an Bedeutung verlieren. Ein Grund ist die Illusion der eigenen Bedeutung.
Ich lese in letzter Zeit oft, dass Bibliotheken im Zeitalter von KI wichtiger werden. Vereinfacht gesprochen lautet die bibliothekarische Zukunftserzählung so: Je mehr KI halluziniert und unsichere Informationen produziert, desto größer wird das Bedürfnis nach verlässlichem Wissen. Und weil Bibliotheken verlässliches Wissen bereitstellen, werden sie wichtiger.
Klingt plausibel, ist es aber nicht. Denn in der Gleichung fehlen die entscheidenden Größen: der Nutzer. Und empirische Daten.
Meine These: wenn sich die Hochschulbibliotheken auf ihrer (imaginierten) Bedeutung ausruhen, werden sie weiter an Bedeutung verlieren.
Aber der Reihe nach.
Die wissenschaftlichen Bibliotheken sind schon lange nicht mehr die erste Instanz, wenn es für Studierende und Lehrende um gesicherte Informationen geht. Google und ChatGPT haben sie abgelöst.
Die Fakten zur Nutzung von KI statt Bibliothek
Fakt ist: KI ist inzwischen für die Informationssuche und Wissensarbeit zentral. 98% der Schüler nutzen KI - und das heißt vor allem ChatGPT - zur Recherche. Das wird die nächste Generation von Studierenden sein. Wobei es an den Hochschulen schon jetzt ähnlich aussieht. ChatGPT hat sich als zentrale Zugangsinstanz zu Wissen etabliert. Die meisten Studierenden besuchen die Bibos nur, weil sie dort in Ruhe arbeiten und mit Kommilitonen lernen können.
Das in den Bibliotheken vereinte Wissen - sei es in den dort vorhandenen Medien oder den dort arbeitenden Menschen – wird, wenn sich nichts ändert, in Zukunft kaum noch von Relevanz und Interesse sein. Schon jetzt heißt in einer Studie der europäischen Hochschulallianz: "The library remains primarily valued as a quiet workspace (75%), far ahead of access to digital resources (48%) or borrowing books (39%)."
Deshalb hier zugespitzt ein paar Punkte, um die Diskussion anzuregen.
Acht Gründe für den Bedeutungsverlust
1.) Studierende können die Bibliotheken füllen und trotzdem bei ChatGPT recherchieren. Das volle Haus kaschiert den Bedeutungsverlust. Institutionelles Ansehen und individuelles Verhalten sind nicht gekoppelt.
2.) Wer eine ungenügende Antwort erhält, formuliert den Prompt neu, aber er vereinbart keinen Beratungstermin, um sich "gesichertes Wissen" zu holen.
3.) Studierende suchen generell kein "sicheres Wissen", sondern eine brauchbare Antwort.
4.) Bibliotheken müssen KI-Kompetenzen selbst noch institutionell aufbauen und technisch verankern.
5.) Eine Bibliothek kann noch so gute Bestände haben, wenn sie im Moment der Frage nicht bekannt, sichtbar und erreichbar sind, führt das zu nichts.
6.) Die neue Generation ist prompt-sozialisiert. Die Bibliothek hat aber einen Schlag(wort)baum.
7.) Bibliotheken lizenzieren und erschließen Informationen. Aber die Fragen der Studis beantwortet ChatGPT. Die KI prägt Zugang und Nutzerbeziehung und bestimmt zunehmend, welche Quellen sichtbar werden und was als Recherche gilt.
8.) Für die Behauptung, Bibliotheken würden wegen KI wichtiger werden, gibt es keine Belege. Ausgerechnet die Institution, die für überprüfbare Aussagen, belastbare Quellen und gesichertes Wissen steht, baut ihre eigene Zukunftserzählung auf einer unbelegten Annahme auf.



