KI-Recherche-Tools werfen mit Millionen Dollar, riesigen Kooperations-Verträgen und Dutzenden neuen Features um sich - und in Deutschland scheint's keiner zu merken.
Entweder ist mein LinkedIn-Feed schizophren oder in der deutschen KI-Hochschul-Wissenschaft-und-Bibliotheks-Blase hat wirklich kaum einer mitbekommen, wie schnell und tiefgreifend die Veränderungen beim Thema Recherche gerade vonstatten gehen. Im Grunde wird momentan eine der zentralen Schnittstellen zur Wissenschaft neu gebaut - und das, was wir bisher Daten- und Literaturrecherche genannt haben, wird dabei komplett auf den Kopf (oder die Füße) gestellt.

Consensus als Beispiel für das neue Tempo
Ich werde die generellen tektonischen Verschiebungen ein anderes Mal ausführlich behandeln, hier und jetzt geht's mir erstmal darum, die neue Recherche-Welt und ihre Dimensionen auf der Tool-Ebene zu skizzieren. Dabei genügt ein Blick auf Consensus (Link). Die haben gerade 30 Mio. Dollar neues Kapital eingesammelt und schließen mit immer mehr großen Wissenschaftsverlagen Kooperationen. Wiley und Sage waren schon am Start, heute kam Taylor & Francis dazu, weitere folgen. Aber nicht irgendwie, sondern mit Volltexten.
Bisher haben die meisten KI-Tools nur die Abstracts und Metadaten durchrastert, jetzt geht's zunehmend tief und komplett rein in die Daten und Literatur. Dazu kommen mehrstufige Recherche-Agenten, komplexe Analysen von Zitationsnetzwerken, und immer mehr Funktionen, die weit, weit über die Recherche hinausführen. Ach ja, Direktverbindungen zu ChatGPT und Claude haben viele Tools inzwischen auch.
Rasantes Wachstum - nur nicht in Deutschland
Die Folge: Die Nutzerzahlen steigen rasant, nicht nur bei Consensus, sondern bei fast allen der rund 50 KI-Recherche-Tools, die es aktuell für den Wissenschaftsbereich gibt. Immer mehr Hochschulen und Bibliotheken experimentieren damit, testen die Tools und erwerben Lizenzen für ihre Studis und Forscher. Nur in Deutschland nicht. Da gründet man lieber einen Arbeitskreis KI und wundert sich, dass die Studierenden ihre Recherchen (und Hausarbeiten) mit ChatGPT erledigen.
Dabei gibt es auch hierzulande wunderbare Tools wie scienceOS.ai (Link). Wie es überhaupt viele tolle Tools zu entdecken gibt, wenn man mal die Konzeptschreiberei lässt und sich ins Machen stürzt. Denn nur so lernt und versteht man, was gerade passiert.
Gewiss, einige machen das. Aber es sind viel zu wenige. Meist beruhen die entsprechenden Fähigkeiten und Initiativen auf individuellem Engagement und sind institutionell nicht verankert.
Den meisten fehlt der Überblick über das, was gerade passiert. Auch ich komme kaum mehr mit. Aber das ist nicht schlimm. Schlimm ist, dass es viele nicht probieren, weil sie nach einer Ordnung und Übersicht suchen, die es einfach nicht mehr gibt, weil sie ein „richtiges“ Konzept, eine sichere Policy und ein offizielles Vorgehen wollen, statt sich offensiv mit dem Tempo und der Tiefe der Veränderungen auseinanderzusetzen.
Wir müssen verdammt nochmal wieder mutiger werden!
Bild: stocksnap.io


