Die deutsche Liebe zum Datenschutz hat uns in die Hände der Amerikaner getrieben.
Okay, ich gebe zu, die Überschrift grenzt an clickbaiting, aber manchmal muss man die Form dem Inhalt anpassen. Jedenfalls soll es um den Riss gehen, der zwischen der offiziellen KI-Nutzung an Hochschulen und der inoffiziellen liegt.
Ich mag es, die Dinge beim Namen zu nennen. Und sie beim Namen genannt zu bekommen. Deshalb frage ich vor einem Workshop die Teilnehmer: Welche KI-Tools nutzen Sie im beruflichen Kontext?
Ich mache das, um rauszufinden, welche Tools wirklich genutzt werden.
Die offizielle Erzählung gegen die Realität
Normalerweise geht die Erzählung - also die offizielle - nämlich so: Die Hochschule sagt: "Wir haben dieses oder jenes KI-System (Hawki, Academic Cloud, lokale Lösung). Die ist DSGVO-konform. Damit arbeiten wir."
"Nein, tut ihr nicht!", möchte ich jedes Mal sagen. "Ihr lügt euch selbst die Taschen voll!" Denn wann immer ich die Teilnehmer in meinen Workshops frage, ob sie diese Dienste nutzen, schütteln fast alle mit dem Kopf.
Deshalb habe ich angefangen, die Sachen abzufragen. Und die Leute zu bitten, ehrlich zu sein. Sozial erwünschte Antworten gibt's schon genug. Und siehe da: Wenn ich meine Fragebögen auswerte, sehe ich: 90% ChatGPT. 20% Claude. 15% Notebook LM. Dazu Copilot, wenn es die Hochschule lizenziert hat.
Und die anderen Tools? Kaum messbar. Ich hatte ein paar Mal die Möglichkeit, mir - ganz inoffiziell - die Nutzungszahlen der offiziellen KI-Systeme anzuschauen. Und sagen wir mal so: die waren noch niedriger als die Umfragewerte der SPD in Sachsen-Anhalt.
Wenn ich im Vertrauen mit den Leuten rede, frage ich: „Warum nicht die offiziellen Tools?“ Die Antwort: Wir haben uns an ChatGPT gewöhnt. Es ist einfach besser.
Vom Wunsch nach Datenschutz erzählt mir niemand was. Warum auch? Der steht nur auf dem Papier. Datenschutzerzählungen sind Sonntagsreden. Sozial erwünschte Antworten. Das privacy paradox der Hochschulen. Nur dass der Riss in diesem Falle durch die Institution geht:
Ein Riss mitten durch die Institution
IT und Verwaltung sagen: "Wir haben eigene Tools."
Dozenten und Studenten sagen: "Kennen wir nicht. Nutzen wir nicht. Genügen uns nicht."
Keine Frage, die Hochschulen meinen es gut. Aber sie haben Bereitstellung mit Nutzung verwechselt. Langsamkeit und Überregulierung haben eine Lücke geschaffen, in die ChatGPT reingegangen ist - und da bleibt es auch.
Ein pragmatischer Ausweg
Mein Ansatz? Pragmatisch. Nutzung kann man nicht wegregulieren, aber man kann sie sicherer machen. Datenschutz muss dort ansetzen, wo die Daten verarbeitet werden, nicht, wo Institutionen sie gern verarbeitet hätten.
Also bei ChatGPT rein in die Einstellungen (was viele vorher noch nie gemacht haben) und erklären, was die einzelnen Optionen bzgl. Datenschutz - und Nutzungskomfort! - bringen. Denn Datenschutz, der die Nutzung ignoriert, schützt statt Daten nur jene Sonn(en)tagsreden, in deren Schatten die wahre KI-Nutzung fröhlich dahinwuchert.

Datenschutzerzählungen sind Sonntagsreden. Sozial erwünschte Antworten. Das privacy paradox der Hochschulen.


