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Bibliotheken sollten aufhören, sich "dritte Orte" zu nennen

8. Juni 2026 · 447 Wörter · Danny Walther

Ich lese fast täglich Beiträge von Bibliotheken, die sich als „dritte Orte" bezeichnen. Und jedes Mal frage ich mich: Warum nennen die sich so? Was soll das bedeuten?

Ich würde mal behaupten, die meisten Leute wissen noch nicht mal, was Ort Nr. 1 und 2 ist. Wie sollen sie da Nr. 3 kapieren? Und überhaupt: Wozu das abstrakte Gerede vom "dritten Ort"?

Der Ursprung des Begriffs "dritter Ort"

Ich weiß, das Konzept des „dritten Ortes“ stammt vom Soziologen Ray Oldenburg. Der hat es in den 1980er Jahren in den USA entwickelt.

1. Ort: Zuhause

2. Ort: Arbeit

3. Ort: nein, nicht Bibliothek, sondern Kneipe. Ein Ort, an dem man sich trifft, sich austauscht, seine angestammte Rolle verliert, wo die Zwänge des (kapitalistischen) Alltags verschwinden und Grenzen verschwimmen.

Buchcover von Ray Oldenburgs „The Great Good Place“ (1989): grünes Wirtshausschild auf orangem Grund, Untertitel „Cafes, Coffee Shops, Community Centers, Beauty Parlors, General Stores, Bars, Hangouts, and How They Get You Through the Day“.
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Warum der Begriff nicht funktioniert

Klar, das leisten Bibliotheken auch, gleichwohl Oldenburg sie nur am Rande erwähnte ( hier der Link zu seinem Buch als Volltext). Aber es geht mir in diesem Fall nicht darum zu fragen, wie sehr Begriff und Bibliotheken zusammenpassen, denn der Begriff ist Murks. Allein schon, weil die meisten - behaupte ich mal - nicht verstehen, was damit gemeint ist. Weil der Begriff akademisch, abstrakt und abgehoben klingt.

„Wenn ich das Wort ‚Stuhl‘ sage, sehen Sie einen Stuhl. Wenn ich ‚Die Gleichzeitigkeit von gesellschaftlicher Trägheit und ambivalentem Schmutz unerkannt totalitären Systems‘ sage, sehen Sie nichts“, hat der Autor William S. Burroughs mal gesagt. Genau so ist es mit dem "dritten Ort". Es ist ein aseptischer Begriff. Er ist das Gegenteil eines guten Buches, denn er berührt niemanden.

Burroughs war ein leidenschaftlicher Leser, ein Bibliophiler, dessen eigene Bibliothek legendär war. Von einem „dritten Ort“ hätte er niemals geredet.

Bessere Worte für Bibliotheken

Deshalb hier eine nett gemeinte Aufforderung an die Bibliotheken und all jene, die immer vom „dritten Ort“ palavern. Wenn ihr mehr und vor allem andere Leute erreichen wollt, hört auf, wie Soziologen zu reden. Ich meine, keine Kneipe schreibt: „Wir sind euer dritter Ort." Die sagen höchstens: „Wir sind euer Ort fürs dritte Bier.“

„Wir sind euer Ort fürs dritte Buch“, könntet ihr sagen, liebe Bibliotheksleute. Hauptsache ihr redet wie die Menschen, die ihr erreichen wollt, aber bisher zu wenig erreicht habt – und das sind gewiss keine Akademiker.

Und weil ich nicht nur rumkritteln will, hier mal paar Ideen, frei zu eurer Verfügung. (Ihr könnt euch ja heimlich denken: Mensch, das passt inhaltlich ja super zu Oldenburgs Konzept vom „dritten Ort").

„Einfach reinkommen. Kein Eintritt, keine Bestellung, kein Grund nötig.“

„Der einzige Ort in der Stadt, wo du stundenlang sitzen kannst ohne etwas zu kaufen."

„Für alle, die gerade nirgendwo hingehören wollen."

Das versteht jeder sofort. Dafür ist kein Soziologie-Studium nötig. Da fühlt man sich gleich wie Zuhause. Erster Ort, sozusagen. 😉

Bild: Cover der Ausgabe von Oldenburgs Buch (1989)