Verlage, Volltexte & Vorschriften: Während KI abhebt, bleiben die deutschen Hochschulen am Boden.
Ich habe hier schon ein paar Mal darüber geschrieben, dass die wissenschaftliche Recherche-Infrastruktur gerade neu geordnet wird. Und das nicht nur so ein bisschen, sondern grundlegend. Im Grunde fühlt sich diese ganze KI-Welt an, als würde man ein Flugzeug im Fliegen bauen.
Die Entwicklungsgeschwindigkeit ist jedenfalls rasant. Und die Hoffnung auf Stabilität und Übersicht vergebens. Das Flugzeug wird jetzt gebaut - und wie es aussehen wird, kann niemand sagen. Nur eins ist klar: Immer mehr Anbieter von KI-Tools kooperieren mit Wissenschaftsverlagen.
Der KI-Markt für die Wissenschaft entwickelt sich rasant. Kooperationen überall. Nur die deutschen Hochschulen sind strukturell viel zu träge und ziehen nicht mit.
Warum KI-Anbieter mit Verlagen kooperieren
Die Kooperationen entstehen, weil die KI-Anbieter ihre Datenbanken mit jenen Volltexten ausstatten wollen (und müssen), die bisher noch hinter den Paywalls der Verlage liegen, auf die aber alle sehnlichst warten, denn auf Dauer gibt sich niemand nur mit Abstracts und Metadaten zufrieden.
Also werden Partnerschaften geschlossen. Besonders umtriebig ist Consensus. Die haben bereits Kooperationen mit Wiley, Taylor & Francis, Sage, der American Chemical Society und der American Psychological Association geschlossen.
Jetzt ist der nächste Partner an Bord: De Gruyter Brill - internationaler Verlag mit Sitz in Berlin. Damit werden die Geistes- und Sozialwissenschaften noch stärker an die neue Recherche-Welt angeschlossen.

Das Problem: deutsche Hochschulen bremsen
Doch es gibt ein Problem: und das sind die deutschen Hochschulen. Denn die sind strukturell träge und wollen keine KI-Tools institutionell lizenzieren, die die Datenschutzbeauftragten nicht selbst entwickelt haben.
Okay, das war etwas zugespitzt formuliert, aber das Problem sollte klar sein: Die einen bauen ihre Flugzeuge im Fliegen, während die anderen in einem Korsett aus Vorschriften, Ängsten und Unkenntnis stecken. Denn viele wissen nicht, dass Tools wie Consensus die Inhalte nicht für das KI-Training nutzen.
In Deutschland werden derweil die Tools der Academic Cloud u.a. als "offizielle" Systeme angepriesen, nur leider bieten die für die Recherche nichts Brauchbares.
Ich habe das erst heute wieder in einem Workshop erlebt: die Forscher wollen gute Recherchen machen, aber die offiziellen Tools, die man ihnen zugesteht (und "zugesteht" ist das richtige Wort) leisten einfach nicht das, was sie für ihre Arbeit brauchen.
Und so bleibt man auf dem Boden der von deutschen Behördenstempeln gepflasterten Tatsachen, während andere zu fliegen beginnen.
Wie andere Länder es besser machen
Und das ist nicht nur eine Metapher: In den USA und anderen Ländern kooperieren immer mehr Hochschulen mit KI-Tools. Dienste wie LibKey verbinden alles. Dadurch bekommen Studierende und Lehrende Zugriff auf Millionen Studien und die Möglichkeit, die Daten und Literatur mit KI zu analysieren.
Die Möglichkeit dazu hätten, nein, haben(!) wir in Deutschland auch. Viele Hochschulbibliotheken setzen LibKey bereits ein, und die Bestände der Wissenschaftsverlage haben ohnehin viele lizenziert.
Es fehlt also weder die Technik noch der Bestand. Es fehlt nur die Verbindung zwischen den lose herumhängenden Enden.


