Nationalbibliothek erweitern oder nicht? - das ist die Frage. Ich habe mir die Entwicklung auf Basis von Zahlen angeschaut und mir Gedanken dazu gemacht.
Anmerkung Vorweg Nr. 1:
Ich bin aus Leipzig. Ich mag Bibliotheken sehr. Ich habe die DNB jahrelang fast täglich besucht.
Anmerkung Vorweg Nr. 2:
Der Erweiterungsbau betrifft Leipzig, aber die folgenden Daten beziehen sich auf Leipzig & Frankfurt zusammen. Erstens: Weil es wenig (öffentliche) Daten für die einzelnen Standorte gibt. Und zweitens: Weil die Entwicklung systemisch ist.
Riesige Bestände, kaum genutzt
Problem 1: Die DNB besteht aus riesigen Häusern für Medien, die kaum genutzt werden. 53 Mio. Medien, 273.000 Nutzungen/Jahr, wobei ein Medium, das 10 Mal genutzt wird auch 10 Mal zählt. Selbst im Idealfall werden also nur 0,5% des Bestandes genutzt. Die anderen 99,5 % stehen rum. Früher waren es bei gleicher Rechenlogik 4%.
Problem 2: Die Bibliothek wächst, Zahl der Nutzer schrumpft. Seit 1990: Bestand +360 %, aber Nutzer -40 %. Zwar hat sich die Zählweise geändert, aber der Trend ist robust. Es gibt immer größere Häuser für immer weniger Gäste.

Wenn KI die Bibliothek flutet
Problem 3: KI. Der Anteil KI-generierter Publikationen steigt. Früher waren Druckwerke aufwendig. Verlage haben gefiltert. Heute entstehen Inhalte binnen Sekunden. Der Markt wird täglich mit tausenden komplett KI-generierten Büchern geflutet. Und alles wird gesammelt. Ein System, das in Zeiten von Knappheit und Kuratierung gebaut wurde, findet sich in einer Zeit des Überflusses wieder.
Problem 4: Der geplante Neubau soll Archiv und Datencenter sein. Digital klingt gut. Aber die Datenmenge explodiert. Das Problem ist nicht der Zugang, sondern das Überangebot bei sinkender Nutzung. Ein neues Datenzentrum speichert im Grunde nur mehr Ungenutztes. Früher wurden Medien zwar auch selten genutzt, aber sie waren potenziell wertvoll. Ob die mit KI generierten Inhalte wertvoll sind, darf bezweifelt werden. Zudem: Wenn KI-Inhalte massenhaft archiviert werden, erhöhen sich Redundanzen. Das Archiv beginnt, diese Inhalte zu stabilisieren, nicht nur zu speichern. Ein Neubau verstärkt das Problem. Mehr (digitaler) Platz = mehr KI-Slop = mehr Rauschen im Nicht-mehr-Blätter-Wald.
Problem 5: Der Bestand verliert seine Bedeutung. Früher konnte man sagen:
„Was hier steht, hat es eine gewisse Relevanz.“ Heute muss es heißen: „Was hier steht, wurde irgendwo veröffentlicht.“ Menge hat Bedeutung ersetzt. Normalerweise bedeutet mehr Nachfrage mehr Angebot. Hier sinkt die Nachfrage trotz größerem Angebot. Auch weil die Nachfrage in diesem System keine Rolle spielt. Es geht nur ums Sammeln.
Das würde sich auch mit einem anderen Minister nicht ändern.
Nebenbei bemerkt: Weimer ähnelt dem geplanten Neubau mehr als man denkt. Denn Weimers angebliches Medien"imperium" besteht - das haben Recherchen gezeigt - aus Luftschlössern & aufgebauschten Zahlen ohne Substanz. Aber das nur am Rande. Um Politik geht's mir hier nicht. Nur um ein paar Zahlen, Gedanken. Und die Frage:
Müssen wir wirklich alles sammeln? Lebt Kultur nicht auch vom Verlust?


