Du kannst deine Dateien synchronisieren, aber nicht die Gesellschaft. Oder: KI bringt die Zeit aus dem Takt.
Ich habe heute einen Beitrag von Christoph Jaschek auf LinkedIn gelesen, der davon handelt, dass man Probleme nie endgültig lösen kann und sich deshalb für die Lösung entscheiden sollte, deren Nachwehen man am ehesten ertragen kann.
Der Beitrag hat mich zum Nachdenken gebracht. Aber aus einem anderen Grund. Weil er sich auf einen 17 Jahre alten Text bezog und ich mich fragte, warum ein Text von 2009 "alt" auf mich wirkt. Er ist nämlich sehr aktuell. Besonders wenn ich auf die KI-Debatte schaue. Ich meine: viele Tools altern schneller als ein Joghurt ohne Kühlung. (Erst kürzlich schrieb Ronnie Parsons: „I just deleted 12 Claude PROJECTS. 3 Claude SKILLS replaced them all.“)

Die Beschleunigung, die KI mit sich bringt, führt dazu, dass das Tempo, mit dem sich die einzelnen Teile der Gesellschaft bewegen, immer wieder auseinanderklafft.
Mein Gedanke: Unser Empfinden von dem, was „alt“ ist, hat sich durch KI massiv verkürzt.
Die These: KI bringt Zeitebenen aus dem Takt
Meine These (und erst jetzt wird’s wichtig, das war bisher alles nur Vorrede, denn das hier ist kein KI-generierter Text, liebe Leute), also, jedenfalls meine These ist: KI bringt die gesellschaftlichen Zeitebenen aus dem Takt.
Der Soziologe Hartmut Rosa hat sinngemäß gesagt: Beschleunigung führt zu systemischer Desynchronisation. Heißt: Das Problem unserer Gesellschaft ist nicht das wachsende Tempo, sondern dass ihre Teilsysteme aus dem Takt geraten, weil sie verschiedenen Zeit-Rhythmen folgen. Das zeigt sich auch bei KI.
Auf der Mikroebene gibt es täglich neue Tools & Modelle.
Auf der Makroebene sieht es dagegen ganz anders aus: Bildungseinrichtungen, Behörden, große Unternehmen: reagieren nur im Jahrestakt. Höchstens quartalsweise. Aber sie bleiben strukturell langsam. Das ist an sich okay. Es wäre komisch, wenn sie mithetzen würden.
Das eigentliche Problem: die schwindende Mitte
Das Problem ist die Mitte. Es ist die Ebene, auf der Gesellschaft Sinn produziert und sich stabilisiert. Diese Mitte ist die allgemeine Öffentlichkeit, sind Diskurse, Deutungsmuster, kollektive Selbstverständnisse. Die Mitte liegt zwischen den Tools und den Institutionen. Hier liegt die eigentliche Spannung. Und das große Problem.
Denn normalerweise werden die Konflikte zwischen Mikro und Makro von der mittleren Ebene moderiert und (dadurch) abgemildert. Aber das passiert nicht mehr. Denn wo früher Widersprüche ertragen und Bedeutungen ausgehandelt wurden, dominieren heute Moralisierung und Schuldzuschreibungen.
Das Ergebnis: die Mitte schwindet, wird nicht mehr gehört, ist (wirk-)ohnmächtig. So verliert eine Gesellschaft ihre Orientierung. Und dann ist Hochzeit für Apokalyptiker und Integrierte. Jedenfalls dominieren Gebrüll und Vorwürfe. Auf allen Seiten.
– hysterische KI-Debatten zwischen Paradies und Apokalypse
– strategische Unsicherheit hier, individueller Hype dort
Die spannende Frage ist nun: Wie kann die Mitte gestärkt werden? Wie kann sie die verschiedenen Geschwindigkeiten austarieren und die digitale Spaltung verlangsamen?
Darauf haben wir keine guten Antworten. Und das liegt auch daran, dass wir die falschen Fragen gestellt haben. Oder?
Bild: PXhere (Creative Commons Zero, Link)


